KI am Rande einer strahlenden Zukunft

Grafik aus Nutanix-Studie plus Dr. Robert Rattenheimer

Bei der Vorstellung seines achten „Enterprise Cloud Index“ richtete Nutanix den Fokus auf den KI-Einsatz am Edge. Fans der Band U2 fragen sich jetzt, was künstliche Intelligenz mit Edge, dem Gitarristen ihrer Lieblingskapelle, zu tun hat. In der Tat ist hier etwas anderes gemeint.

Veranschaulichen lässt sich der Begriff „Edge“ anhand eines Albumtitels einer kommerziell weit weniger erfolgreichen Rockband, nämlich von Timbuk 3 (deren Alben ich in den 1980ern rauf- und runterhörte). Timbuk 3 bestand aus dem scharfzüngigen Singer-Songwriter Pat MacDonald, seiner damaligen Ehefrau Barbara K. und einem Ghettoblaster, der das Bass- und Drum-Machine-Fundament beisteuerte – ein Trio aus Menschen und Maschine.

In Anspielung an das „Pledge of Allegiance“ – das Treuegelöbnis, das in den USA zu Schulbeginn, bei Veranstaltungen oder auch Einbürgerungszeremonien rituell gesprochen wird – nannten Timbuk 3 ihr Album von 1989 „Edge of Allegiance“, auf Deutsch also „Rand der Treue“ oder „Grenze der Treue“.

Timbuk 3 hatten damals nur einen einzigen Top-20-Hit: das musikalisch fröhlich rock’n’rollige, im Text aber ironische „The Future’s So Bright I Gotta Wear Shades“. Dem Vernehmen erhielten die beiden mehrere Angebote, das Lied gegen sechsstellige Beträge als Jingle an Werbetreibende von AT&T oder Ford zu verkaufen (denen die böse Ironie im Text offenbar entgangen war) – doch sie lehnten dankend ab. So geht Rockmusik, wenn man nicht angepasst-kommerziell, sondern unangepasst-provokant – im Englischen „edgy“ – auftreten will.

IT trifft Physik
IT-Fachleute wiederum sprechen, ihrem Hang zur Verwendung möglichst vieler Anglizismen folgend, vom „Edge“, wenn sie den „Rand“ des Netzwerks meinen, also jenen Bereich, in dem die digitale Infrastruktur auf die Datenquellen, die Anwender oder – etwa in der Werkshalle oder in Ladengeschäften – auf die physische Welt im Allgemeinen trifft.

Ein Ergebnis der Nutanix-Umfrage: 81 % der hiesigen Unternehmen betreiben ihre KI-Anwendungen bei Managed-Service-Providern (international nur 65 %), 61 % im eigenen Rechenzentrum oder einer Private Cloud (international 55 %) und 62 % an besagtem Edge (international nur 43 %). Mehrfachnennungen waren offensichtlich möglich und zeigen, dass KI-Workloads auf vielfältige Weise im Einsatz sind.

„Globale Studie“
Wie bei anbietergetriebenen Umfragen üblich, spricht auch Nutanix von einer „globalen Studie“. Ein Meinungsforschungsinstitut befragte dafür im November 2025 rund 1.600 Cloud-, IT- und Entwicklungsverantwortliche – darunter 100 aus Deutschland – von Unternehmen mit mindestens 500 Mitarbeitern in Australien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Italien, Japan, Mexiko, den Niederlanden, Saudi-Arabien, Singapur, Spanien und den USA – sprich: in 14 Märkten, die für Nutanix aus dem einen oder anderen Grund von Interesse sind. So richtig „global“ ist das natürlich nicht – auf der Liste fehlt eine ganze Reihe von Ländern, nicht zuletzt China.

Dennoch: Die Umfrage legt nahe, dass es in Deutschland – zumindest bei mittelständischen und großen Unternehmen – im Vergleich mit anderen Ländern in puncto KI-Einführung besser aussieht, als die allgegenwärtigen Unkenrufe über die Rückständigkeit der heimischen Wirtschaft vermuten lassen. Wobei allerdings die Frage, ob ein Unternehmen KI nutzt, nichts darüber aussagt, wie umfangreich oder gar wie strategisch KI Verwendung findet.

Industrie setzt offenbar auf KI am Edge
Den hierzulande überdurchschnittlich verbreiteten Einsatz von KI am Edge erklärte man seitens Nutanix in einer Pressekonferenz zur Umfrage mit dem Umstand, dass Deutschland nach wie vor in vergleichsweise hohem Maße eine Industrienation ist. Und in der Industrie brauche man die KI-Leistung eben möglichst direkt in der Werkshalle, schon aufgrund der physikalischen Gegebenheiten im Netzwerk. Gleiches gilt übrigens auch in anderen Branchen, etwa für eine KI-gesteuerte Auswertung von Überwachungsvideos, etwa im Einzelhandel.

Diese Vermutung bestätigen weitere Umfrageergebisse: Den Betrieb der (containerisierten) Anwendungen am Edge begründeten hiesige Befragte zu 81 % mit Netzwerknähe und niedriger Latenz. Als Hauptgrund Nummer zwei (Mehrfachnennungen waren erneut möglich) gaben 79 % umgebungsübergreifende Konsistenz an, erst auf Platz drei folgten Regulatorik und Datensouveränität mit 76 %. Die Anforderungen des technischen Betriebsalltags wiegen hier also schwerer als die strategischen bzw. juristischen Aspekte, wenn auch nur relativ knapp.

„Digitale Souveränität als selbstverständliches Mittel zum Zweck, Vorrang für Edge-Umgebungen und Managed-Services-Provider, Fokus auf KI und Bare Metal – all das spiegelt die typische Wirtschaftsstruktur in Deutschland wider“, interpretierte Thomas Herrguth, General Manager von Nutanix Deutschland, die Ergebisse.

„Nicht nur Großunternehmen, sondern auch der Mittelstand suchen nach Produktivitätsgewinnen durch schnellere Entscheidungen am Edge, ob in der Produktion oder an Filialstandorten, um angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation und geopolitischer Turbulenzen die eigene Wettbewerbssituation zu stärken“, so Herrguth weiter. Digitale Souveränität sei dabei „nichts anderes als aktives Risikomanagement“.

Risiko? Welches Risiko?
À propos Risikomanagement – aufhorchen ließ auch folgende Aussage: 85 % der Befragten aus Deutschland berichteten von Schatten-KI, also davon, dass KI-Anwendungen und -Agenten ohne Genehmigung durch die IT-Abteilung im Einsatz sind. Zugleich waren aber nur 78 % der Ansicht, dass durch unautorisierte KI-Nutzung die Preisgabe sensibler Daten droht.

Somit waren bei der Umfrage also 22 % – darunter 7 % aus jenen Unternehmen, die zugegebenermaßen Schatten-KI im Hause haben – der Meinung: Unautorisierte KI-Nutzung – was soll da schon schiefgehen? Na, da ist er doch, jener ungebrochene, wagemutige Unternehmergeist, der Deutschland groß gemacht hat und nun immer wieder eingefordert wird!

Schon bei der Verbreitung des Internets und später bei Social Media hat man sich oft erst im Nachgang Gedanken über Maßnahmen oder gar Architekturen gemacht, um die Risiken in den Griff zu bekommen. Während heute die einen beim Thema KI aus eben diesen Gründen zögern und KI umsichtig einsetzen, scheinen andere erneut dem Gedanken einer Ex-post-facto-Absicherung anzuhängen: Erst mal die vielen neuen Möglichkeiten nutzen, das mit Informationssicherheit, Datenschutz und digitaler Souveränität kriegen wir dann später schon noch geregelt!

Dies entspricht ganz dem Spirit jenes fröhlich drauflos hoppelnden Rock’n’Roll-Songs von Timbuk 3, der mit feiner, aber böser Ironie behauptete, die Zukunft sei so strahlend, dass man eine Sonnenbrille tragen müsse: „The Future’s So Bright I Gotta Wear Shades“.

Ein „edgy“ Satire-Rock’n’Roll-Song von 1986 scheint damit heute, vierzig Jahre später, zum Soundtrack des KI-Zeitalters werden zu wollen.


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Bild: Nutanix/Wolfgang Traub/Dr. Wilhelm Greiner