Es agentelt

Jüngst war ich Teilnehmer bei einem Presse-Workshop, in dem Jan-Niklas Keltsch, CAIO (Chief AI Officer) von Deloitte, darlegte, warum Angehörige der schreibenden Zunft ihre Arbeit auf die Basis generativer und agentischer KI stellen sollten. Keltsch erläuterte auch, warum sich so viele Menschen gegen KI-Agenten sträuben: „Diese Technologie geht an den Kern unseres Selbstverständnisses.“ Und ich muss zugeben: Ich fühlte mich ertappt.

Der Hands-on-Presseworkshop machte sehr eindringlich greifbar, wie KI-Agenten – gemeint sind in diesem Kontext zielführend gestaltete und damit variabel wiederverwendbare Prompts – alle journalistischen Arbeitsschritte radikal beschleunigen: Recherche, Gliederung, Zusammenfassung, Texterstellung und zielgruppen- oder medienspezifische Anpassung gehen – ein ausführliches, kompetentes und stimmiges Prompting vorausgesetzt – wie von Zauberhand von der (Zauber-)Hand.

Diese Vorteile waren mir als meist aufmerksamem Beobachter der IT-Branche natürlich nicht entgangen – ich lebe zwar in der tiefsten bayerischen Provinz, dort aber immerhin nicht unter einem Stein.

Dennoch: Obschon als IT-Fachjournalist eigentlich zum Early-Adoptertum verdammt, habe ich generative KI bislang immer nur punktuell genutzt – mal für eine Recherche hier, mal für Übersetzungen mittels DeepL da. Stets spürte ich einem gewissen Widerwillen, mich allzu sehr auf die Segnungen der KI zu verlassen. Und das längst nicht nur wegen des Risikos von Halluzinationen, die bei generativer KI prinzipbedingt auftreten, sobald ihr für die Antwort benötigter Kontext fehlt.

Agentische KI vs. menschliche Grundbedürfnisse

Mit meiner Zurückhaltung bin ich offenbar alles andere als allein. KI-Fachmann Keltsch umriss im Workshop drei Bedürfnisse, die den Menschen vor grundlegenden Innovationen wie generativer oder agentischer KI zurückschrecken lassen, da KI diesen Bedürfnissen diametral zuwiderläuft:

  • Kompetenz: Man möchte in dem, was man tut, kompetent sein – und KI erledigt nun vieles viel schneller und damit offenbar lästigerweise kompetenter.
  • Autonomie: Der Mensch will (möglichst) autonom entscheiden – sich also nichts von einem nervigen digitalen Papagei vorschreiben lassen.
  • Zugehörigkeit: Man will sich einer Gruppe zugehörig fühlen – und nicht stundenlang einsam mit einem Chatbot vor sich hin chatbotten.

Deshalb, so Keltsch, sei es notwendig, sich umzuorientieren:

  • Die Kompetenz des Journalisten verlagert sich von der Autorschaft zum (Chef-)Redakteur des KI-Artefakts. (Sofern man nicht einfach das Artefakt postet und sich dann zufrieden zurücklehnt. Böse Zungen behaupten, auch dies sei schon vorgekommen.)
  • Die Autonomie verlagert sich vom selbstbestimmten Schreiben zu selbstbestimmten Entscheidungen, wie man wofür welche Agenten nutzt.
  • Die Frage der Gruppenzugehörigkeit wird laut Keltsch für Unternehmen zum Problem, wenn Mitarbeiter durch Dauer-Domptieren von KI-Agenten vereinsamen. Dies erfordere gezieltes Gegensteuern. Bei Deloittes Entwicklungsteams zum Beispiel haben sich laut dem CAIO die Retros (Abschlussmeetings agiler Software-Entwicklungsprojekte) zu Meetings gewandelt, bei denen es rein um die menschlichen bzw. psychischen Erfahrungen der Entwickler geht. (Für die Entwicklung selbst wiederum sei man vom Agile Development abgekommen und entwickle nun rein Spec-orientiert.)

Langsamer Agentenvormarsch meist ohne Strategie

Neben diesen menschlich-allzu-menschlichen Faktoren gibt es einen weiteren Umstand, der den Siegeszug der agentischen KI zumindest in hiesigen Unternehmen ausbremst: Die Marschrichtung ist noch zu selten von einer unternehmensweiten KI-Strategie geleitet, die das transformative Potenzial agentischer KI ernst nimmt und integriert.

Dies ergibt sich aus einer Umfrage, die Deloitte in 14 Ländern unter 1.800 Fachleuten aus Unternehmen mit laufenden KI-Projekten durchgeführt hat. Deutsche Unternehmen optimieren demnach zwar einzelne Arbeitsschritte mittels KI, eine KI-orientierte Transformation des Geschäfts ist aber selten in Sicht.

So setzen laut der Umfrage nur fünf Prozent der deutschen Unternehmen auf eine strukturelle Transformation. Zum Vergleich: In Großbritannien gaben 13 Prozent der Befragten an, ihr Unternehmen führe eine tiefgreifende KI-Transformation durch.

Nur magere zwei Prozent der Unternehmen im Land der Dichter, Denker und zögerlichen KI-Transformierer siedeln das KI-Thema in der Chefetage an. Hier ist Deutschland das Schlusslicht unter den untersuchten Länder (das waren zwölf europäische, zudem Saudi-Arabien und die VAE). Allemagne zero points.

So verwundert es auch nicht, dass Deutschland bei KI-Investitionen nur im unteren Mittelfeld liegt. Neben ausreichendem Budget bremsen hierzulande ein Mangel an Fachkräften sowie an Schulungsangeboten den großflächigen innovativen KI-Einsatz aus, so Deloitte.

Ein Ratschlag aus der Deloitte-Studie: „Deutsche Führungskräfte müssen entschieden vorgehen und KI als Verlagerung des Betriebsmodells vorantreiben, nicht als Technologie-Upgrade, um das volle Wirtschafts- und Wettbewerbspotenzial von KI zu erschließen.“

Mangelnde KI-Kompetenz als Bremsklotz

Mangelndes Wissen, wie man das Potenzial von KI für die eigene Arbeit erschließt, moniert auch ein Bericht des Analystenhauses Forrester. Zwar verbreiten sich KI-Tools wie Microsoft 365 Copilot in den Unternehmen. Doch Forrester verweist auf eine wachsende Lücke zwischen der technischen Einführung von KI und der tatsächlichen Bereitschaft der Belegschaft, dies in ihrem Alltag zu nutzen – die drei erwähnten Grundbedürfnisse lassen grüßen. Zugleich, so Forrester, bereiten viele Unternehmen ihre Belegschaft nur unzureichend auf den KI-Einsatz vor.

Und so geht es in puncto KI-Kompetenzen laut den Analysten recht zähflüssig voran. Forrester spricht hier analog zum IQ von einem „AIQ“ (Artificial Intelligence Quotient, auf Deutsch also ein „KIQ“). Nur 16 Prozent der Beschäftigten verfügten 2025 über einen hohen AIQ, so der Bericht – gegenüber den 12 Prozent des Vorjahres ein lahmender Fortschritt.

Der Hintergrund: Zwar setzen laut Forrester 68 Prozent der Unternehmen generative KI bereits produktiv ein, doch nur 51 Prozent bieten Schulungen für nicht-technische Beschäftigte an – und nur 23 Prozent vermitteln Kenntnisse zum Prompt Engineering, also zur zielführenden Gestaltung von KI-Eingaben. Forrester hatte für den Report über 1.500 KI-Entscheider aus Deutschland, Frankreich, Indien, Japan, UK und den USA befragt.

Sicherheitslücken durch KI

Erschwerend kommt hinzu, dass neue Technologien gerne neue Sicherheitslücken im Schlepptau haben – da macht auch KI keine Ausnahme. So berichtet TrendAI, der Unternehmens-Geschäftsbereich des japanischen Security-Anbieters Trend Micro, dass KI-bezogene Schwachstellen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben – und das in der Anzahl wie auch in der Kritikalität

Von 2018 bis Ende 2025 wurden laut TrendAI-Report 6.086 Software-Schwachstellen identifiziert, die direkt KI-Systeme betreffen. Basis war eine Datenbank von über 330.000 CVEs (Common Vulnerabilities and Exposures). Allein 2025, so die Sicherheitsforscher, wurden 2.130 KI-bezogene Sicherheitslücken gemeldet, das sind 34,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Gesamtzunahme von CVEs betrug demgegenüber lediglich 17,9 Prozent.

Und was man so hört, wird das Aufspüren und Ausnutzen von Sicherheitslücken durch Anthropics neue KI Claude Mythos erheblich einfacher und schneller. Das gilt aber längst nicht nur für Lücken in KI-Systemen. Vielmehr wurde das nicht öffentlich zugängliche Mythos selbst laut Medienberichten bereits von Unbefugten genutzt, und zwar mittels einer erratbaren URL.

Fazit

Zwischen dem Potenzial generativer und agentischer KI für die Optimierung des Busines einerseits und dem Fachkräfte- und Know-how-Mangel sowie den Sicherheitsrisiken andererseits müssen die Unternehmen somit nun den für sie jeweils passenden Weg finden, um möglichst großen Nutzen aus der aktuellen technologischen Revolution zu schöpfen. Oder sie warten eben einfach ab, bis ihnen eines Tages ein CEO-KI-Agent die Entscheidung abnimmt.

Ich selbst wiederum habe mir vorgenommen, mich künftig intensiver mit agentischer KI zu beschäftigen. Das mit der Verlagerung der Kompetenzen und des Autonomieempfindens sollte ich hinbekommen, Gruppenzugehörigkeit ist für freiberufliche Journalisten (ergo hauptberufliche Einzelkämpfer) eh weniger ein Thema.

Was mich davon abhält, jubelnd das Fähnchen agentischer KI zu schwenken, sind vor allem zwei weitere Aspekte: erstens ein gewisser Unwille, Geschäftsbeziehungen mit rücksichtslos marktradikalen US-Konzernen wie OpenAI, Google & Co. zu unterhalten, deren Geschäftsmodelle auf der Missachtung des Datenschutzes und der digitale Souveränität ihrer Kundschaft beruhen; zweitens der erschreckend hohe Ressourcen- und Energieverbrauch von KI, der die KI-Größen reihenweise neue Rechenzentren mit eklatantem Strombedarf bauen lässt, Klimakrise hin oder her.

Am besten, ich prompte dazu einfach einen KI-Agenten, der hier einen praktikablen Mittelweg findet. Dann agentelt es bestimmt auch in meinem Journalistenalltag bald auf das Fröhlichste.


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Bild: Dr. Wilhelm Greiner