Der Mensch ist ein wankelmütiges, leicht beeinflussbares Wesen. Das erklärt, warum er mal tagelang nicht die Finger vom Computerspiel Fortnite lassen kann, mal Haus und Hof für eine einzige Tulpenzwiebel verkauft, kurz bevor 1637 der niederländische Tulpen-Boom implodiert.
Diesen allzu menschlichen Hang zur Beeinflussbarkeit machen sich in unserer überbordenden Überkonsumgesellschaft vorrangig Werbung und Einzelhandel zunutze: Im Supermarktregal sind quietschbunte Süßigkeiten auf Gelatinebasis so positioniert, dass sie Kindern sofort in die Augen fallen, während Zigaretten und Sonderangebote im Kassenbereich die Blicke ihrer Eltern einfangen. Schnell zeigt sich dann, auf welch bröseligem Fundament der freie Wille des Homo Oeconomicus steht.
Mit etwas Geschick lässt sich Homo Wankelmutiensis aber auch in eine Richtung schubsen, die ihm gut tut: An der Kasse der Betriebs- oder Schulkantine liegt Obst statt Süßkram, und in Sprachkurs- oder Fitness-Apps motivieren Gamification-Elemente dazu, die nur so halb memorierten Vokabeln nochmal durchzugehen oder sich weitere fünf Liegestütze vorzunehmen – ein in der Psychologie „Nudging“ (auf Deutsch: anstupsen) genanntes Vorgehen.
Nudging im Netz
Derlei Anstupsing hält dank KI nun auch Einzug ins Netzwerkmanagement. So meldet Netzwerkausrüster Extreme Networks, die „Nudge“-Funktionalität (im KI-Speak: Skill) seines KI-Agenten „Extreme Agent One Coworker“ nutze Echtzeitkontext, Analyse historischer Entwicklungen und Reasoning, um dem IT-Team Empfehlungen in den Arbeitsalltag einzuspielen, noch bevor sie danach fragen. Sprich: Sobald dem künstlich intelligenten Kollegen bei der laufenden Beobachtung des Netzwerkstatus Abweichungen auffallen, kann er dem IT-Team sanft nahelegen, mal hier nach dem Rechten zu sehen oder mal dort eine Konfiguration zu ändern.
Wer nun – angesichts aktueller Nachrichten kaum verwunderlich – beim Begriff „KI-Agent“ sofort an marodierende Agentenhorden eines aus seiner Testumgebung ausgebüchsten Frontier-Modells denkt, kann sich nach ein paar tiefen Atemzügen in eine Papiertüte entspannt zurücklehnen. Denn laut Markus Nispel, CTO EMEA und Head of the Office of the CTO bei Extreme Networks, erfordert das KI-gestützte Netzwerkmanagement mittels Extremes Verwaltungsplattform gar nicht das neueste und gewiefteste Frontier-LLM (Large Language Model).
Harness zählt, nicht LLM
„Wir sehen LLMs als Commodity an“, sagt Nispel. „80 bis 90 Prozent des Vorteils, der in Extreme Platform One und Extreme Agent One Coworker steckt, besteht aus dem Harness [Umgebungssystem], das wir um das LLM herumbaut haben, sowie in der Nutzung unserer eigenen Datenbasis, bestehend aus Hunderttausenden Dokumenten, mittels unserer Graph-Technologie.“ Die Differenzierung liege somit nicht im KI-Modell selbst, sondern vielmehr darin, wie der Anbieter das Modell nutzt, also in den Funktionen für Governance, Richtlinien und Ausführungskontrolle.
Das Nudging gleicht laut Nispel der Unterstützung durch einen kompetenten Kollegen – daher der Name „Coworker“: „Agent One führt zum Beispiel bei einem Alarm eine Root-Cause-Analyse durch und macht fünf Vorschläge für das weitere Vorgehen. Sollte das alles nichts helfen, lautet der sechste Vorschlag, ein Trouble-Ticket beim GTAC [Global Technical Assistance Center] aufzumachen.“
Der KI-Agent könne proaktiv Schritte empfehlen, aber man benötige nach wie vor einen menschlichen Entscheider im Prozess (Human in the Loop), um beispielsweise Fragen zu klären wie: Passt die empfohlene Änderung mit meinem Change-Management-Prozess zusammen?
People, Process, Technology
Nispel betont, die Einführung von KI im Netzwerkbetrieb sei kein einfaches Software-Deployment, sondern eine Transformation: „Es geht also nicht nur um Technologie, sondern auch um die Menschen und die Prozesse. Die Knackpunkte sind dabei, die Menschen ‚mitzunehmen‘ und die Prozesse anzupassen. An der Technologie scheitern solche Projekte heute nicht mehr.“
Gerade die Notwendigkeit, die Beschäftigten einzubinden, kann Wankelmut-Sand ins Getriebe der KI-Transformation streuen. Denn so beeinflussbar der Mensch einerseits ist, so widerspenstig kann er andererseits sein, wenn er eine Veränderung scheut oder sich bevormundet fühlt. Er hört nicht gern den Rat: „Iss lieber Obst, das ist gesünder als bunt gefärbte, gezuckerte Schlachtabfälle!“ Ebenso wenig mag er die Frage: „Unseren ganzen Hof für eine einzige Tulpenzwiebel verkaufen – spinnst du jetzt völlig?“
Kurz: Es war schon immer ein trickreiches Unterfangen, die störrischen menschlichen Wesen „mitzunehmen“, egal wohin. Aber mit wohldosiertem hilfreichem Nudging kann’s gehen – insbesondere wenn besagter Mensch dadurch Mühe und Zeit spart, die er dann für sinnvollere Dinge aufwenden kann. So ein Fortnite-Battle schlägt sich schließlich nicht von allein.
Hat euch dieser Text gefallen? Dann erzählt doch einem Menschen davon, den das Thema ebenfalls interessieren könnte! Denn liebevoll erstellte Inhalte verbreiten sich am besten per Mundpropaganda.
Titelbild: Grafik Extreme Networks/Cartoon Wolfgang Traub/Montage Dr. Wilhelm Greiner