Cisco und HPE: Alles auf Netze für KI

Chuck Robbins, Antonio Neri

Keine Branche hat die systematische Ausbeutung ihrer Kunden so perfektioniert wie die Spielcasino-Industrie. (OK, vielleicht noch die Finanzbranche, aber eine Börse ist letztlich auch nur ein Casino.) Und keine Stadt hat den Casino-Betrieb so perfektioniert wie Las Vegas.

Ausgerechnet in dieser verschwenderischen Glitzer-Scheinwelt – von der Architektur bis zur gezielten Reizüberflutung darauf ausgelegt, den Besuchern möglichst viel Geld aus der Tasche zu zerren – halten US-Konzerne bevorzugt ihre Kunden-Events ab. Schließlich gibt’s dort Riesen-Hotels, Monster-Vortragshallen und neueste Präsentationstechnik. Und so zog es auch die IT-Größen Cisco und HPE für ihre Jahreskonferenzen Cisco Live und HPE Discover mal wieder in die Zocker-Oase inmitten der Mojave-Wüste.

Bei Cisco wie auch bei HPE – letzteres Unternehmen seit rund einem Jahr verstärkt durch Juniper Networks – standen Netzwerke und KI im Fokus: Beide nutzen agentische KI für das effizientere Management ihrer Umgebungen, beide betonten die Bedeutung der Netzwerke für die Ära der KI-Agenten, und beide wollen das Fundament für das agentengestützte Unternehmen der Zukunft liefern.

Netzwerk als kritische Infrastruktur

Cisco bietet laut CEO Chuck Robbins nichts weniger als die „kritische Infrastruktur für die KI-Ära“. Die Präsentation der Einzelheiten überließ Robbins nach einem Kaffeeklatsch mit dem Starbucks-CEO dann aber seinem Kollegen, dem Chief Product Officer Jeetu Patel.

Zur agentengestützten Steuerung des Netzwerks stellt Cisco in Las Vegas die neue Plattform Cloud Control vor. Die Plattform vereint den Zugriff auf Ciscos Management-Tools für das Netzwerk, Security, Server und Collaboration sowie die laufende Analyse von Telemetriedaten (Observability) in einer einheitlichen Kommandozentrale.

Cisco Cloud Control nutzt KI z.B. für Handlungsempfehlungen
Bild: Cisco

Noch wichtiger aber: Über einen KI-Arbeitsbereich, AI Canvas genannt, erhalten die Anwender Unterstützung durch KI-Agenten. Hier, so Patel, nutze Cloud Control speziell entwickelte KI-Modelle für Netzwerkbetrieb, Security und Observability, darunter Ciscos Deep Network Model, das auf der gesammelten Erfahrung des IT-Ausrüsters beruht.

Die Agenten stammen aber nicht nur aus eigenem Hause: Cisco hat die Plattform für Drittanbieter-Apps und -Agenten geöffnet, mit 52 Partnern geht sie an den Start. Mittels Cloud Control Studio könne ein Anwender zudem eigene Agenten per Spracheingabe erstellen und dann im Cloud Control Marketplace veröffentlichen.
 
KI-gestützter Schutz für die IT-Infrastruktur

Cisco ist Mitglied bei Anthropics „Project Glasswing“ wie auch bei OpenAIs „Daybreak“. Damit hat der US-Anbieter Zugang zu den neuesten Frontier-Modellen, um seine Soft- und Firmware auf Schwachstellen zu testen.

Freundlicherweise lässt sich Cisco dabei in die Karten schauen: Mit Foundry Security Spec stellt Cisco nun ein Open-Source-Framework bereit, das Unternehmen helfen soll, herstellerübergreifend schneller auf neue Schwachstellen zu reagieren. Ziel ist es, mit KI das Grundrauschen („noise“) aus der Schwachstellenanalyse zu eliminieren und mittels Agenten Schwachstellen schneller zu beheben. Cloud Control diene hier als Kommandozentrale für Abwehrmaßnahmen in Echtzeit.

Die neue Funktion Cisco Live Protect wiederum soll Cisco-Switches der Serie Nexus 9000 im laufenden Betrieb vor neuen Sicherheitslücken schützen, bis ein Patch verfügbar ist. Die Software überwacht dazu das Verhalten des Switches und blockiert verdächtige Aktivitäten.
 
HPE: KI-Architektur beginnt mit dem Netzwerk

Zwei Wochen nach der Cisco Live fand sich Wettbewerber HPE zur HPE Discover in Las Vegas ein. HPEs Präsident und CEO Antonio Neri war sich in seiner Eröffnungs-Keynote mit Cisco-Chef Robbins (und zahllosen weiteren Marktbeobachtern) einig, dass wir an der Schwelle zur Ära der KI-Agenten stehen. Im „agentischen Unternehmen“, so Neri, werden autonome Agenten alles vom Geschäftsbetrieb bis zum Kundenservice revolutionieren.

Natürlich setzt HPE, ebenso wie Cisco, im Netzwerkbetrieb auf Unterstützung durch generative und agentische KI. Das umfangreiche Know-how, das Netzwerkausrüster Juniper mit seiner Managementplattform Mist AI hier aufzuweisen hat, dürfte mit ein Grund für die Übernahme Junipers durch HPE letzten Sommer gewesen sein. Durch die Akquisition hat sich HPEs Messaging ein gutes Stück in Richtung der Netzwerkerei verschoben.

Das autonome – im IT-Sprech „self-driving“ – Netzwerk gilt bei HPE nun als Basis des Geschäftsbetriebs im KI-Zeitalter. So betonte Neri in seiner Keynote: „Eine Architektur für KI zu schaffen, beginnt mit dem Netzwerk“ – das Spiegelbild zu Chuck Robbins’ Aussage: „Das Netzwerk ist in der Tat mächtiger als der einzelne Netzwerk-Knoten.“

Das KI-gesteuerte und damit zunehmend autonome Netzwerk bietet die Grundlage für HPEs Greenlake-Architektur
Bild: HPE

Seit der Juniper-Akquisition, abgeschlossen im Juli 2025, arbeitet HPE mit Hochdruck daran, das hauseigene Switching-Portfolio der Marke HPE Aruba Networking mit den Juniper-Lösungen zum einheitlichen HPE Networking zusammenzuführen. Neri berichtete von großen Fortschritten beim Zusammenwachsen der beiden Netzwerkwelten, bei HPE „Cross-Pollination“, also gegenseitige Befruchtung, genannt.

Ziel: Autonomes Netzwerk

Ein Hauptziel des Konzerns ist es, die Funktionalitäten der beiden Management-Plattformen zu verschmelzen, also von HPE Aruba Central und HPE Mist AI. Die Agentic-AI-Funktionen von Junipers KI-Engine Marvis sind deshalb nun auch in Aruba Central integriert. Umgekehrt lassen sich inzwischen Switches der Aruba-CX-Baureihe auch via Mist managen.

Zugleich gibt es neue Mist-Funktionen (englisch „mist“ = „feiner Nebel“, nur dass es da keine Missverständnisse gibt!), darunter vorausschauende Analysen (Predictive Analytics) und einen Reasoning-Agenten, der laufend autonom Datenquellen auswertet. Dies soll die Untersuchung von Störungsursachen (Root Cause Analysis) ebenso wie die Störungsbehebung in Rechenzentrumsnetzen stark beschleunigen.

Dank Integration von Junipers Apstra-Software umfasst HPEs Hybrid-Cloud-Managementplattform Morpheus jetzt eine absichtsbasierte Netzwerkautomatisierung. Zudem ist HPE Mist Networking Data Center Assurance jetzt mit HPE Compute Ops Management integriert. Das soll für den domänenübergreifenden Überblick sorgen. Zudem ist die Software jetzt auch auf HPEs On-Demand-Plattform GreenLake verfügbar. GreenLake Intelligence wiederum soll als agentenbasiertes Framework den Hybrid-Cloud- und KI-Betrieb automatisieren.

Auf Hardwareseite integriert der Konzern Switches der Reihe HPE Juniper Networking QFX in die HPE AI Factory, also seine KI-Komplettlösungen aus Server, Storage, Netzwerk und Software für den skalierbaren KI-Betrieb.

Aus Security-Sicht ist eine andere AI-Factory-Erweiterung interessant: Neue Funktionen der Zerto-Software sollen Alarm schlagen, sobald Agenten unerwünschte Aktionen ausführen. Eigenmächtige Agenten gelten – neben Prompt Injection, also in Missbrauchsabsicht gezinkten KI-Eingaben – als eines der Hauptrisiken agentischer KI. Mittels Zertos kontinuierlicher Datensicherung lasse sich in einem solchen Fall der Systemzustand auf einen sauberen Status zurücksetzen.

Souveräne KI-Lösungen

Cisco wie auch HPE hatten noch viele weitere Asse im Ärmel, pflegen IT-Konzerne doch, ihres Jahreskonferenzen mit regelrechten News-Jackpots zu begleiten. Wichtig für hiesige Anwenderunternehmen war dabei vor allem ein Thema: Beide Konzerne betonten vor allem mit Blick auf Europa, man biete Lösungen für souveräne KI-Infrastrukturen.

Hier zeigt sich, wie sehr der kindlich-impulsive Führungsstil des egomanischen US-Präsidenten die Beziehungen der USA zum Ausland belastet – und in der Folge die Beziehungen zwischen US-Herstellern und ihrer ausländischen Klientel. Dass – nach dem Internet und der Cloud – mit generativer und agentischer KI eine weitere Iteration der Abhängigkeit von US-Anbietern droht, macht die Lage nicht gerade entspannter.

Vor diesem Hintergrund bietet Cisco eine „Sovereign Critical Infrastructure“, HPE seine KI-Fabrik auch in der Variante „Sovereign AI Factory“. Gemeint ist jeweils der vom Internet entkoppelte Betrieb mit vollständiger lokaler Kontrolle über IT-Betrieb und Daten – was auf Hardware-, Software- und Firmware-Ebene aber die Abhängigkeit von den Lieferanten nicht beendet. Von den scheinbar allgegenwärtigen KI-Chips aus dem Hause Nvidia ganz zu schweigen.

Fazit: KI für Netze für KI

Im glitzernden Casino des Wirtschaftslebens wetten gerade unzählige Unternehmen auf KI – allen voran die Hyperscaler und großen Modellbetreiber. Dass die überall aus dem Boden schießenden KI-Rechenzentren in Zeiten der Klimaüberhitzung einen geradezu Las-Vegas-artig dystopischen Energieverbrauch haben? Egal. Dass sie – auch dies nach dem Vorbild der Glücksritter-Oase – ihrem Umland im durchaus wörtlichen Sinne das Wasser abgraben? Hach Gottchen, kein Fortschritt ohne ein paar unschöne Nebenwirkungen.

Am immergrünen, filzweichen Spieltisch der Marketing-Strategien setzen indes Cisco ebenso wie HPE (und übrigens auch Wettbewerber Extreme Networks) alles auf KI-gestützte Netzwerke für die KI-Ära. Denn während manche dem Geschäftsmodell der KI-Giganten ein nahes „rien ne va plus“ prophezeien, betonen andere: Heute nutzen wir alle die vernetzten IT-Umgebungen, deren Fundamente zu Zeiten der Dotcom-Blase gelegt wurden – die Blase mag platzen, die Infrastruktur bleibt. Und kein KI-Casino läuft ohne Hochleistungs-IT, hier vor allem Chips (Gamble Processing Units, kurz GPUs), Server, Datenspeicher und Netzwerke.

Der Netzwerkverkehr, der im Zusammenhang mit KI-Nutzung entsteht, wird sich laut Cisco-CEO Robbins in den nächsten drei Jahren verdreifachen. Das dürfte nicht nur an der steigenden Verbreitung KI-gestützter Arbeitsweisen liegen. Hinzu kommt: Laut Cisco-CPO Patel verursacht ein KI-Agent zur Erfüllung einer Aufgabe über 450 Prozent mehr Traffic als ein Mensch. Zudem erzeugen Agenten wie auch KI-gestützte Roboter den Datenverkehr permanent, nicht nur in Spitzen wie die vergleichsweise harmlosen Chatbots.

KI-Agenten und KI-gestützte Roboter verursachen viel mehr Datenverkehr als Chatbots – und das dauerhaft
Bild: Cisco

Für Netzwerkausrüster gilt in der Ära der KI-Agenten somit das Gleiche wie für Casinos im Zockeralltag: Letztlich gewinnt immer die Bank – sprich: der, der die Infrastruktur bereitstellt. Place your bets, ladies and gentlemen, place your bets!


Hat euch dieser Text gefallen? Dann erzählt doch einem Menschen davon, den das Thema ebenfalls interessieren könnte! Denn liebevoll erstellte Inhalte verbreiten sich am besten per Mundpropaganda.

Bildquellen Titelbild: Cisco Live 2026 Keynote-Aufzeichnung, HPE Discover 2026 Keynote-Aufzeichnung