Auffällig viele E-Gitarren sehen einander auffällig ähnlich. Die drei Exemplare im Bild könnten glatt Drillinge sein. Auch technisch haben sie eine Drillings-DNA, obwohl sie von unterschiedlichen Herstellern stammen: ESP (Japan), Tokai (ebenfalls Japan) und Kauffmann (Niederlande). Das Geheimnis der geradezu inzestuösen Ähnlichkeit: Alle drei sind Kopien eines ikonischen US-Vorbilds, der Fender Stratocaster von 1954.
1965 wurde Fender vom Konzern CBS geschluckt, danach sank die Qualität der Instrumente aufgrund von Sparmaßnahmen rapide. So begannen findige japanische Hersteller ab den 1970ern, Instrumente von Fender (und anderer US-Marken) auf Teufel komm’ raus zu kopieren – und das mit der berüchtigten japanischen Pingeligkeit. Ihre Kopien – billiger, aber oft besser gefertigt als die Originale – überschwemmten den Markt. Die Älteren, ob Gitarrist oder Automobilist, werden sich erinnern: In den 1980ern lauerte die große Gefahr für westliche Marken noch nicht im Reich der Mitte, sondern im Reich von Sushi, Manga und Kaizen.
Längst hat Fender seine Qualitätssicherung wieder im Griff. Der Konzern produziert global verteilt und alles von Einsteiger-Massenware bis zu völlig überteuerter Custom-Shop-Handarbeit (was wiederum eine Nische für Konkurrenten wie Kauffmann schuf). Stratocaster-Fans – darunter, man ahnt es, der Autor dieser Zeilen – haben heute eine Fülle von Alternativen zur dominierenden US-Marke.
IT-Nutzer können da nur neidisch gucken. Denn ob Prozessoren, Bauteile oder Endgeräte, ob Softwarelösungen oder Cloud, als Richtwert gilt: Was nicht aus China kommt, kommt aus den USA. Besonders bedenklich ist dies in puncto Cloud-Services. Google, Amazon, PayPal, Facebook, Instagram, WhatsApp, ChatGPT oder auch das von Elon Musk auf dem Grab des Twitter-Vögelchens errichtete X: Alle gehören einer Handvoll Oligarchen aus dem Silicon Valley.
Die unendliche Bedenklichkeit der Cloud
Hier liegt erhebliche, teils monopolartige Marktdominanz in den Händen weniger Hyperreicher, deren Denken zwischen libertärem Wirtschaftsradikalismus, christlich-fundamentalistischer Endzeit-Ideologie und Weltherrschaftsphantasien oszilliert. Und die deshalb, wie ihre Polit-Pendants Donald Trump und J.D. Vance, den Anspruch erheben, dass nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt nach ihrer Pfeife zu tanzen habe.
Was hier heißt: Nutzer allerorten sollen brav ihre Lebenszeit auf den gezielt abhängig machenden Oligarchen-Plattformen verbringen (oder verplempern, je nach Perspektive), deren Herrschern möglichst viele persönliche Daten zu Analyse- und Werbezwecken überlassen – und das Denken bitte an KI-Dienste aus gleicher Quelle auslagern.
Diese Clique hasst es, wenn ihnen die EU mit Datenschutz- und Wettbewerbsregeln Grenzen setzt. Oder wenn Content-Moderatorinnen z.B. von HateAid der menschenverachtenden Hetze in den asozialen Netzwerken (oft fälschlicherweise „soziale Netzwerke“ genannt) Einhalt gebieten wollen. Dann sehen die Tech-Oligarchen ihre Pfründe bedroht und reagieren empfindlich.
Ihr neuester Schachzug: Seit 2025 steht die Datenschutzaufsicht von Irland – wo Meta (also Facebook) seinen Europa-Sitz hat – unter der Führung einer Ex-Facebook-Lobbyistin; und nun leitet auch noch eine finnische Abgeordnete die Bemühungen des Europäischen Parlaments, die EU-Digitalgesetzgebung zu reformieren („Digital Omnibus“ genannt). Die Finnin war zuvor in Brüssel tätig als – na, wer errät’s? – leitende Lobbyistin von Meta. So dürfte der „digitale Omnibus“ bald die Bürgerrechte überrollen.
Unser Online-Leben bleibt damit wohl allen EU-Bemühungen zum Trotz fest in der Hand US-amerikanischer Digital-Oligarchen. Doch es gibt – insbesondere für Privatpersonen, Unternehmen tun sich da schwerer – durchaus Alternativen zu den Angeboten aus dem Oligarch Valley.
Abwanderungswillige stehen jedoch vor drei Hürden:
- Nutzer wissen häufig zu wenig über Alternativangebote.
- Viele schrecken vor dem Aufwand einer Migration zwischen Cloud-Services zurück.
- Oft sitzen sie auf einer Plattform fest, weil ihre Freunde, Verwandten, Vereinsmitglieder, Die-gleichen-Interessen-Haber etc. hier versammelt sind – die Gravitationskraft der digitalen Herde.
Monatlicher Näher-an-die-Unabhängigkeitstag
Deshalb hat eine Gruppe von Organisationen ein Projekt angestoßen, das möglichst vielen Menschen den Ausweg aus dem Sumpf der suspekten Superreichen weisen soll: den Digital Independence Day, kurz DID. Zu den DID-Unterstützern zählen zum Beispiel Linus Neumann vom Chaos Computer Club und Marc-Uwe Kling aus der Känguruh-WG.
Der DID findet an jedem ersten Sonntag im Monat statt. Die Idee ist es, monatlich je einem der invasiven Oligarchen-Services den Rücken zu kehren und zu einer europäischen oder Open-Source-Alternative zu wechseln. Die DID-Website di.day bietet dazu ein buntes Kochbuch mit „Wechselrezepten“: von Microsoft Office zum quelloffenen Libre Office, von Facebooks Messenger WhatsApp zum Open-Source-Konkurrenten Signal, von Google Chrome zu Firefox oder auch von Amazon zum örtlichen Buchhändler (der ebenfalls praktisch alles „overnight“ bestellen kann – wobei aber Amazon längst nicht mehr nur den Buchmarkt mit seinen Monopolisten-Praktiken beglückt).

Wie es sich für eine Rezepte-Site gehört, führt di.day die benötigten Zutaten samt Bezugsquelle auf, ebenso Zubereitungsdauer und Schwierigkeitsgrad. Und die Site empfiehlt leckere Nachtische, bei Signal zum Beispiel: Freund*innen einladen, über Gruppenlinks alten WhatsApp-Gruppen den Wechsel nahelegen, „verschwindende Nachrichten“ für sensible Inhalte einstellen und – sobald man sich in der neuen App heimisch fühlt – WhatsApp genussvoll löschen. Und natürlich per Foodie-Post wie „DID it!“ die frohe Kunde vom gelungenen Menüwechsel verbreiten. Der nächste DID ist übrigens kommenden Sonntag.
Das DID-Projekt zeigt: Eigentlich gibt es für IT-Nutzer gar nicht so viele Gründe, die Produktfülle bei E-Gitarren neidisch zu beäugen. Denn auch im Digital Independence Day steckt richtig Musik drin.
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Bild: Dr. Wilhelm Greiner
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