KI-Agenten sind groß in Mode. Der Begriff ist für deutsche Augen und Ohren ein wenig irreführend. Aber deshalb nicht weniger spannend.
„Bond. James Bond.“ Wer denkt beim Begriff „Agent“ nicht zuallererst an jenen Geheimagenten mit der Seriennummer 007, der im Auftrag Ihrer Majestät in der Welt herumjettet, um selbige nach diversen Zwischenstopps in diversen Betten vor irgendeinem Hyper-Bösewicht zu retten, sei es Dr. No, Ernst Blofeld oder Elon Musk? Sorry, wollte sagen: Lyutsifer Safin.
Im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) hingegen versteht man unter einem Agenten keinen gewalttätigen, obschon stets schick gekleideten Angestellten irgendeines Geheimdienstes, sondern schlicht ein Stückchen Software, das mittels KI-gestützter Entscheidungsfindung in der Lage ist, eigenständig Aufgaben zu lösen. Es geht also um KI-Bots, dies, wie man im Englischen sagt, über „agency“ verfügen, also über Handlungsvermögen.
Ein Beispiel aus dem Consumer-Bereich wäre ein Nutzer, der seinen KI-Bot anweist: „Siri, buche mir übers Osterwochenende ein Doppelzimmer in einem preiswerten Hotel in der Innenstadt von Rom!“ Der KI-Bot interpretiert den Sprachbefehl, leitet aus den Angaben KI-gestützt Parameter für eine Hotelbuchung ab und jettet dann in der digitalen Welt herum, damit er eine passende Hotelbuchung ausführen kann. Nach vollbrachter Tat gibt der KI-Agent Rückmeldung: „In Rom (Italien) ist über Ostern bereits alles ausgebucht. Soll ich dir zwei Übernachtungen im Days Inn von Rome, Georgia (USA) reservieren?“
KI-Agenten erobern die Unternehmenswelt
Auch aus dem Unternehmensalltag werden KI-Agenten bald nicht mehr wegzudenken sein. Einige Beispiele:
- „Recherchiere, welche Absatzmärkte für uns noch in Frage kommen, baue daraus eine PowerPoint-Präsentation und schicke sie per E-Mail an alle Teilnehmer des nächsten Vertriebsmeetings!“
- „Erstelle eine freundliche E-Mail mit Bitte um Gehaltserhöhung und schicke sie an meinen Chef!“
- „Buche für kommenden Dienstag den Hin- und Rückflug für meine Geschäftsreise nach Rom!“
- „Nein, das Rom in Italien!“
Wir sehen: Wichtig ist bei KI immer, dass der Agent den passenden Kontext zur Aufgabe erhält, die er erfüllen soll. Für Unternehmen ist es daher wichtig, eine generative KI zunächst mit den unternehmenseigenen Informationsbeständen zu füttern, Retrieval-Augmented Generation (RAG) genannt. Zudem ist es hilfreich, individuelle aufgabenspezifische Agenten erstellen zu können, die genau auf die unternehmenseigenen Ziele und Abläufe angepasst sind – etwa für Vertrieb, Marketing, Personalsuche, das Netzwerk- oder das Security-Management. Die Kombination von RAG und individueller Agentenentwicklung soll dabei die gefürchteten Halluzinationen verhindern, die bei generativer KI immer auftreten, wenn der Kontext an den Rändern ausfranst und die KI beginnt, hyperaktiv zu improvisieren.
Hier gibt es also durchaus eine Schnittmenge mit jenen Geheimdienstlern, die wir aus dem Kino kennen: Die Agenten müssen gut ausgebildet sein und über die richtigen Informationen verfügen. Sonst wird das nix mit der Jagd nach Dr. No & Co.
Unternehmenseigene KI-Agenten
Und so stellen heute zahlreiche IT-Anbieter Werkzeuge bereit, mit denen Unternehmen ihre eigenen KI-Agenten ausbilden können. Dazu zählen z.B. Microsofts Copilot Studio, Googles Vertex AI Agent Builder, der AWS Agent Builder oder auch Agentforce von Salesforce.
Jedoch: Viele Unternehmen haben bereits wichtige IT-Infrastruktur und Applikationen an (meist US-amerikanische) Cloud-Größen ausgelagert. Wenn sie nun auch noch ihre KI-Agenten auf deren Plattformen aufbauen, machen sie sich noch stärker abhängig von den Hyperscalern. Ein riskantes Unterfangen in Zeiten, in denen Europa versucht, sich von der digitalen Hegemonie der zunehmend imperialistisch agierenden USA zu befreien.
Widerstand gegen das Digital-Imperium
Wenn es darum geht, sich einem Imperium zu widersetzen, müssen wir den Blick von James Bonds Großbritannien nach Frankreich lenken. Dort lebte bekanntlich ein weiterer Held der europäischen Populärkultur, der Gallier Asterix. In der Geschichte „Asterix als Legionär“ infiltrieren Asterix und Obelix – sozusagen als Geheimagenten – die römische Legion, um den zwangsrekrutierten Gallier Tragicomix zu befreien. Diesen spüren sie in einem Römerlager in Nordafrika auf – nicht zuletzt mithilfe des Spions Acidix Hydrochloridrix, Codename „HCL“. Den tragikomischen Entführten befreien unsere Helden dann in bewährter Manier: unter Einsatz des Zaubertranks ihres dorfeigenen Druiden Miraculix.
Als Zaubertrank gegen die Vorherrschaft übermächtiger Softwarekonzerne gilt heute Open Source Software (OSS). Das gallische Dorf der Open-Source-Community bietet zur Entwicklung von KI-Agenten zahlreiche Plattformen und Tools, etwa Langchain, CrewAI oder SuperAGI.
Elastic Agent Builder
Eine neue Alternative hat jüngst Elastic mit seinem Agent Builder auf den Markt gebracht. Das niederländisch-amerikanische Open-Source-Softwarehaus – gegründet in Amsterdam, Zweitsitz in San Francisco – ist vor allem durch seine Suchmaschinen-Technologie Elasticsearch bekannt. Zusammen mit dem Datenvisualisierungs-Tool Kibana ermöglicht sie Datenanalysen. Auf dieser Basis bietet Elastic heute neben Such- auch Monitoring- (Observability-) und Security-Lösungen. Letzthin positioniert sich das Unternehmen mit seiner wohletablierten Vektordatenbank verstärkt als KI-Anbieter.
Elastix … sorry: Elastics Agent Builder dient laut Markus Klose, Director Solutions Architecture EMEA Central, dem schnellen Aufsetzen von Agenten. Man könne einfach mit den Unternehmensdaten chatten, ohne dass die Anwender KI-Spezialisten sein müssten.
Wie wichtig dabei der Kontext ist, um Halluzinationen zu vermeiden, erläuterte Klose im Interview an einem griffigen Beispiel: „Jaguar“ kann mal ein Raubtier, mal einen Sportwagen meinen. Die Antworten der KI können dabei aber nur so aktuell sein, wie es die Aktualität der mittels RAG bereitgestellten Dokumente hergibt, sagt Klose.
Der Fachmann warnt: „Man muss aufpassen, was man dem Kontext mitgibt.“ Es gelte, sensible Daten zu maskieren oder gar nicht erst mitzuschicken. Schließlich will man nicht jedem Agenten die Firmengeheimnisse verraten. Er könnte schließlich ein Doppelagent sein, wie der heimtückische Nullnullsix aus der Asterix-Geschichte „Die Odyssee“, der mit seiner hohen Stirn und dem Schnurrbart sehr an einen gewissen schottischen James-Bond-Darsteller erinnert.
Agentische KI und Datensouveränität
In puncto Datensouveränität ist mit Elastics KI-Plattform laut Markus Klose alles möglich, von Cloud-Nutzung über den lokalen Einsatz (samt Kontrolle, welche Daten man nach außen gibt) bis hin zum ganzs vom Internet entkoppelten Betrieb (Air-Gap). Und je nach Einsatzfall könne man Agenten entwickeln, die mal nach außen kommunizieren, mal nicht.
Aktionen anstoßen – also agentisch handeln – kann Elasticsearch bislang nur begrenzt. So kann man zwar z.B. Dashboards zur Visualisierung von Datenabfragen anlegen lassen, aber noch nicht mit externen Tools oder Agenten interagieren. Dafür soll ein Werkzeug namens Workflows sorgen, das bislang aber nur als Tech Preview verfügbar ist. Laut Markus Klose besteht ein „extremes Interesse“, den Agent Builder auszuprobieren – trotz europäischer Regularien wie dem AI Act.
Timeo Danaos …
Auf der – damals noch nicht Vektordatenbank-gestützten – Suche nach dem erwähnten entführten Gallier fragen Asterix und Obelix mangels KI-Chatbot den nächstbesten Legionär, ob er wisse, wo sich Tragicomix aufhält. „Tragicomix?“, fragt der Legionär zurück, „… mit ’nem T wie Timeo danaos et donas ferentes?“ Dieser Satz stammt aus der „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil, einer lateinischen Nacherzählung von Homers Ilias und Odyssee. Auf Deutsch bedeutet das: „Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen.“ Gemeint ist damit natürlich das berühmteste vergiftete Geschenk der Geschichte, das Trojanische Pferd (das ja zunächst ein griechisches war, bevor es die Trojaner leichtfertig in die Stadt schleppten).
KI – insbesondere generative und agentische KI – könnte sich als Trojanisches Pferd erweisen, das europäische Unternehmen noch intensiver an das US-amerikanische Digital-Imperium bindet. Mal sehen, ob es gelingen wird, mit Open-Source-Zaubertrank-gestärkten Agenten dem Imperium der KI-Giganten zu entrinnen. Oder ob man doch noch James Bond zu Hilfe rufen muss, um die europäischen Unternehmen aus den Fängen von Elon Musk, Google & Co. zu retten.
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Bild: Dr. Wilhelm Greiner