KI-klimatisiert in die Zukunft

Jene Gattung, die sich in forscher Selbstüberschätzung „homo sapiens“ nennt, hat in den letzten Jahrtausenden eine erstaunliche Erfolgsgeschichte hingelegt. Das Geheimnis des „vernünftigen Menschen“: Er beutet seinen Lebensraum rücksichtslos aus und erfindet dazu immer intelligentere Werkzeuge, letzthin sogar künstlich intelligente (die er selber nicht so ganz versteht). Dadurch aber macht er seinen Lebensraum immer schlechter bewohnbar (was er selber zwar ganz gut versteht, aber nicht verstehen will): Mal steht er auf bröckelndem Eis, mal im Flächenbrand, mal knietief im brausenden Wasser. Inzwischen bröckelt, brennt und braust es so heftig und so oft, dass er sich zurücksehnt zur „guten, alten Zeit“ (von der er aber stur behauptet, auch damals habe es schon immer so gebröckelt, gebrannt und gebraust).

Kürzlich bestätigten die Europawahlen den Trend des populären Strebens zurück zum Guten, Alten, rücksichtlos Ausbeutbaren. Dabei wäre heute zukunftsgerichtetes Anpacken so wichtig. Denn einerseits degradieren uns Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) zunehmend zum Anhängsel algorithmischer Abstraktionen. Andererseits verstärkt sich das Bröckeln, Brennen und Brausen so schnell und doch zugleich so langsam, dass es unsere Lebensgrundlagen hierzulande immer öfter mal überschwemmen, mal versengen kann, während wir schulterzuckend zuschauen.

Da stellt sich die Frage, wie Europa wohl in zehn Jahren aussehen wird. In einer Zeit, in der wir dank engstirnig-nationalistischem Polit-Hick-Hack unseren immer stärker KI-kontrollierten Alltag ebenso wenig in den Griff bekommen wie die eskalierende Erhitzung unseres Habitats. Eine Zeit, in der wir zugleich jede noch so kleine, noch so vernünftige Regulierung mit Zähnen und Klauen bekämpfen, wenn sie in Frage stellt, was „schon immer“ so war.

Das will man sich lieber gar nicht ausmalen, oder? Muss man auch nicht. Denn wie es der Zufall will, hielt kürzlich an einer Ampel ein grauhaarig-zerzauster Mann in einem DeLorean neben mir, und sein junger Beifahrer übergab mir hastig einen Zeitungsausschnitt, bevor der Sportwagen beim ersten Grünlicht wieder davonbrauste.

Die herausgerissene Seite, datiert auf den 3.7.2034, stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Monatszeitung, der (wie die Zeile unter dem Titelkopf stolz verkündet) „einzigen verbleibenden Zeitung für Deutschland“. Der kurze Beitrag gewährt einen kleinen, aber aufschlussreichen Einblick in das Spannungsfeld zwischen rasantem Fortschritt, schleichender Klimaüberhitzung und noch schleichenderer politischer Entscheidungsfindung im frühen (oder ist es gar das späte?) Anthropozän:

EU-Regulierung: Extra-Führerschein für SUV-Fahrer

Brüssel (eupa) – Die EU-Kommission plant eine zusätzliche Führerscheinprüfung für Fahrer von Geländefahrzeugen mit mehr als 6,0 m Länge und über 3,0 t Leergewicht (Super-Useless Vehicles, SUVs). Ein Vorstoß Frankreichs, SUVs ab 2035 gänzlich aus den noch nicht überschwemmten Stadtgebieten Europas zu verbannen, scheiterte am Widerstand Deutschlands.

Der Vorstoß stammt von Anne Hidalgo (Parti Socialiste, PS), der französischen EU-Kommissarin für urbanen Land- und Seeverkehr. Sie propagierte schon seit ihrer Zeit als Bürgermeisterin von Paris, SUVs von innerstädtischen Straßen zu entfernen. Doch die deutsche Delegation unter Leitung der autonomen Navigationssystem-KI Mercedes Porsche-Opel (Automobile für Deutschland, AfD) beharrte auf ihrer Position „freie Fahrt für deutsche Autos“.

Der nach zähen Verhandlungen errungene Kompromiss sieht die Pflicht einer Zusatzqualifikation für das Befahren von Innenstädten mit SUVs vor. Doch schnell wurden Vorwürfe laut: „Der vorgeschlagene Prüfungs-Fragebogen ist derart simpel, dass ihn selbst ein deutscher SUV-Fahrer problemlos beantworten kann“, sagte die französische EU-Abgeordnete Marine Gondelier (Les Verts/Grüne) von der Île de Calais.

Dem Rechercheverbund von NDR, WDR und „Süddeutscher Virtual-Reality-Einblendung“ liegt exklusiv der Referentenentwurf des Fragebogens vor. Er scheint die Vorwürfe zu bestätigen: Bei allen 30 Fragen ist die korrekte Antwort stets Option „d)“. Ein Beispiel:

„Sie finden keinen Parkplatz, der für Ihr SUV groß genug ist. Wie gehen Sie vor?
a) Ich bleibe mitten auf der Straße stehen.
b) Ich parke im Sandkasten eines Kinderspielplatzes.
c) Ich parke auf dem Notarzt-Landepunkt.
d) Ich lasse das SUV im Autopilot-Modus um den Block fahren, bis ich meine Einkäufe erledigt habe.“

Gondelier nannte den Entwurf „eine Farce“. Er zeige „die Blockadehaltung der Deutschen, die trotz der allseits sichtbaren Folgen der Klimakrise immer noch am Verbrennermotor festhalten“. AfD-Presse-Bot V.W. Bulli hingegen sprach von einem „starken Zeichen gegen die Mär vom Klimawandel“.

Derzeit ringen die Delegationen in Brüssel um Hidalgos Vorschlag, das Parken sogenannter „Superyachten“ (Länge über 27 m) in innerstädtischen Kanälen des gesamten Europäischen Nordseebeckens zu verbieten. Erneut stellt sich ein deutscher Koalitionspartner quer, diesmal die Freiheitliche Deichpartei (FDP): Die neo-neoliberalen Freideichler pochen auf Ausnahmen für alle Städte nördlich der Kölner Bucht und des Leipziger Nordsee-Ostsee-Deichs. „Die Ankerfreiheit ist im Meeresgrundgesetz verankert“, betont Wolfgang Q. Biggie, das PR-Hologramm der FDP, und fordert „freie Fahrt für deutsche Superyachtbesitzer“.

Die Verhandlungen wurden unterbrochen. Mit einer Wiederaufnahme ist erst nach der Sommerpause zu rechnen, also im Januar nächsten Jahres.

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Bild: Dr. Wilhelm Greiner, KI-generiert mittels NightCafé