Mit klappernder Mühle am rauschenden Bach beginnt eines der bekanntesten Volkslieder. Heute ein nostalgischer Blick auf längst vergangenes Landleben, war es einst eine frühe Beschreibung dessen, was später „Industrialisierung“ hieß. (Ob „klappern“ das Mühlradgeräusch treffend beschreibt, sei mal dahingestellt.) Seit dem 19. Jahrhundert hat Wasserkraft an Bedeutung verloren – für Energie sorgte nun Kohle, dann Öl, Gas und die garantiert harmlose Kernspaltung. Doch in Zeiten von Klimakrise und Energiewende erlebt die Energiequelle Wasser eine Renaissance – mitunter in viel eleganterer Form als der eines klapprig klappernden (oder was auch immernden) Mühlrads.
Wasserkraft hat hierzulande Tradition: Trägt ein Ort „Mühl“ im Namen, stehen die Chancen gut, dass es hier einst „klapperte“ (welches Geräusch macht ein Mühlrad denn nun eigentlich?), um ein Sägewerk, eine Getreide- oder auch eine Hammermühle anzutreiben. Der Autor dieser Zeilen lebt im Altmühltal, hier stolpert der Wanderer gefühlt alle paar Schritte über eine einstige Mühle – oft an Stellen, die staunen lassen: „Was denn, das bisschen Wasser hat mal ein Mühlrad angetrieben? Respekt!“
In elektrifizierten Zeiten schien es dann sinnvoller, Mühlen zur Stromgewinnung zu nutzen statt für die mahlende, sägende oder hämmernde Direktvermarktung – oder sie ganz einzustellen: Selbst das noch so eifrig klappernde (klackernde? tratschende?) Mühlrad konnte nicht mit Großkraftwerken mithalten. So mutierte der Motor der Industrialisierung zur moosbewachsen-morschen Deko von Landgasthöfen, die Namen wie „Zur alten Mühle“ tragen.
Heute, einen halben Klimawandel später, fällt auf, dass die Idee kontinuierlicher Energiegewinnung aus Fließgewässern so schlecht nicht war. Hier setzt Energyminer an, ein Unternehmen aus Inning am Ammersee rund um Wasserbauingenieurin Chantel Niebuhr (CTO), Maschinenbauer Dr. Richard Eckl (Co-CEO) und Elektrotechniker Dr. Georg Walder (der andere Co-CEO). Das Trio hat Strom aus Wasser neu gedacht: als kompaktes schwimmendes Unterwasserkraftwerk. Dieses trägt den schönen sprechenden Namen „Energyfish“.
Strom aus dem Schwarm
Das Unterwasserkraftwerk ist für den Einsatz in Flüssen konzipiert und besteht aus einem Energyfish-Schwarm. Ein solcher 3 x 2,4 x 1 Meter großer Energiefisch beherbergt ein Turbinensystem, das nach Angaben der Energyminer im Schnitt 1,8 kW und maximal 6 kW liefert.
Energyfish ist das, was man heute „smart“ nennt: vernetzt und laufend überwacht. Sein Design hält die Oberfläche laut Hersteller frei von Algen und Treibgut. Bei Hochwasser oder Eis reagiere das System selbsttätig: Es sinke automatisch auf den Grund des Flusses, produziere aber weiter Strom. „Die schwimmende Natur und die Dimensionen unseres Energyfishs ermöglichen es ihm auch, bei schwankenden Wasserständen und Fließbedingungen zu arbeiten“, erklärt CTO Niebuhr. „Trocknet der Fluss vollständig aus, sinkt der Energyfish mit dem sinkenden Pegel einfach auf das Flussbett und schaltet sich erst dann wieder ein, sobald ausreichend Wasser zu fließen beginnt.“
Ein Schutzmechanismus soll Fische (die echten, nicht ihre Elektrokollegen) vor Schäden bewahren. Auch Wassersportlern schade das schwimmende Konstrukt nicht, da es sich ohne Verletzungsrisiko nach unten oder zur Seite drücken lasse. In Flüssen mit Schiffsverkehr verankere man die Systeme einfach außerhalb der Fahrrinne.

„Unser Hauptziel ist es, Energieanbietern und Gemeinden die Möglichkeit zu bieten, an unserer erneuerbaren Energieproduktion teilzunehmen, sei es durch Unterstützung oder Übernahme von Betriebskraftwerken“, sagt Niebuhr. Man spreche vorrangig Energieversorger und Kommunen an, aber das Angebot stehe allen offen, also auch Bürgerinitiativen.
In München schwimmt ein Mühlbachfisch
In München-Thalkirchen – passenderweise nahe dem Tierpark – kann man den Elektrofisch schon bewundern. Die metallene „Heckflosse“ der Testinstallation, eingeweiht Ende Mai, ragt aus dem Auer Mühlbach und lässt erahnen, dass sich hier mehr tut als sonst mühlbachtypisch. Real Strom liefernde Schwärme sollen bald folgen: „Wir haben bereits einige Standorte für das erste Schwarmkraftwerk in der Pipeline“, so Niebuhr, „für einige davon haben wir bereits die Genehmigungen.“

Die Möglichkeiten regenerativer Stromfischerei sind so vielfältig wie die Wasserläufe: „Das ist das Großartige an unseren Energyfish-Schwärmen – es ist eine skalierbare Lösung“, sagt Niebuhr. „Die Schwarmkraftwerke können in Schwärmen unterschiedlicher Größe installiert werden und sich so an verschiedene Gegebenheiten anpassen.“ Ein Kanal zum Beispiel biete dank in der Regel konstanter Fließgeschwindigkeit „einen hervorragenden Installationsort für eine gleichmäßige Grundlastproduktion“.
Kurz: Energyfish-Schwärme können Flüsse, Kanäle und sogar alte Mühlbäche zu neuen, dringend benötigten Grünstromlieferanten machen. Und das alles ohne Staudämme, immense Kosten und Mühlrad-Geklapper (oder welches Geräusch die eben machen). Statt „Es klappert die Mühle“ heißt es dann: Fischers Fritze fischt frische Energie.
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Ein Nachtrag: Inzwischen habe ich bei der Besichtigung einer Wassermühle von 1790 gelernt, dass das Klappern (Klackern? Rumpeln?) einer Mühle nicht vom Wasserrad kommt, sondern von einem mechanischen Rüttler, der das Getreide auf dem Mühlstein verteilen soll. Das Wasserrad selbst hingegen gibt sich mit einem Plätschern (Planschen? Platschen? Tratschen?) zufrieden. #TheMoreYouKnow
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Bildquelle Titelbild: Energyminer
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