Wolkenbildung

Bei dem Wort „Wolke“ bekommt der Mensch Assoziationen: Manche denken an Schäfchenwolken, manche an Dampfwolken und manche an die Cloud. Vielen schießen neuerdings vor allem die Regenwolken in den Kopf, die in Deutschland – wie auch in China oder Nordkorea – ganze Landstriche unter Wasser gesetzt haben, oder die Rauchwolken an der US-Westküste, die selbst im 4.000 Kilometer entfernten New York die Sonne verschleierten.

Und die Rauchmelder schrillen weiter: Während ich diesen Text schreibe (am 8. August 2021) sind die Nachrichten voller dramatischer Szenen aus Griechenland, Italien und der Türkei, wo Waldbrände wüten. Was angesichts der Horrorbilder aus Urlaubsregionen der Deutschen praktisch untergeht: Zugleich lodern 250 Waldbrände in Russland. Der Golfstrom fließt so langsam wie seit 1.600 Jahren nicht mehr, einer der gefürchteten Klima-Kipppunkte droht. Die Gletscher in den Anden schmelzen drastisch ab, Grönlands Gletscher sogar doppelt so stark wie früher … Die Liste will kein Ende nehmen: Vieles, wovor die Klimaforschung seit Jahrzehnten warnt, tritt nun fast zeitgleich ein.

So wenig überraschend diese Entwicklungen eigentlich sein dürften, so sehr überrascht die träge Reaktion. Klimaforschende wie Stefan Rahmstorf fordern, die Politik müsse den Klimawandel endlich als Krise ernst nehmen. Passt aber grade schlecht, es ist Wahlkampf, wer wird da schon ein ständig heißer werdendes Eisen anpacken? Die globale Klimakrise gerät so zum Provinzpolitikum.

Ohne politische Rahmensetzung sind die Pariser Klimaziele nicht zu schaffen, aber auch die Wirtschaft ist gefragt, nicht zuletzt die IT-Branche. Das energieeffiziente RZ zum Beispiel ist ein Dauerthema, aber nur ein Aspekt von vielen: Wie kann man RZs klimagerechter bauen, obwohl es keinen „grünen Beton“ gibt? Wie können Unternehmen bei der Digitalisierung Ökonomie und Ökologie vereinen? Wie klimafreundlich sind Cloud-Services wirklich, und wie können Anwenderunternehmen das überprüfen? Wie kann umweltfreundliches digitales Arbeiten in Zukunft aussehen? Hier stehen uns spannende Diskussionen bevor – hoffentlich mit dem Effekt der Fort- und nicht der Lagerbildung.

(Dieser Kommentar erschien erstmals als Editorial in LANline 09/2021.)

Bild: (c) Wolfgang Traub