New Work, New Work

Auffällig viele Orte in den USA sind „Neu“-Städte: New York, New Jersey, New Brunswick (erraten: das soll „Neu-Braunschweig“ heißen), New Orleans etc. Denn die Menschen, die sich einst in der „neuen Welt“ niederließen, waren zwar bereit, sich ins Unbekannte zu stürzen, suchten dann aber doch immer wieder den Rückgriff auf Vertraut-Altbekanntes. So gibt es in den USA gleich mehrere Berlins, im kanadischen Nova Scotia (erraten: „Neuschottland“) sogar ein East- und West-Berlin. Was aber bedeutet das allzu menschliche Amalgam aus Innovationsfreude und Nostalgie für das „neue Normal“ mobiler digitaler Arbeit?

„Old habits die hard“, wie der Amerikaner sagt: Alte Gewohnheiten halten sich hartnäckig. Das gilt erst recht für deutsche Chefetagen. Droht aber eine Pandemie mit tödlicher Infektion, dann geht’s plötzlich doch. Beispiel Remote Work: Laut ifo-Umfrage vom Juli 2020 haben drei Viertel der hiesigen Unternehmen pandemiebedingt zumindest Teile der Belegschaft ins heimische Virenvermeidungsbüro geschickt; immerhin 54 Prozent gaben an, das Home-Office dauerhaft stärker etablieren zu wollen. Und so verkünden die Anbieter von Remote-Work-Technik von Citrix, Microsoft und VMware bis hin zu Lokalmatadoren wie Matrix42 erfreut, die Pandemie habe ein „neues Normal“ geschaffen und verhelfe modernen Arbeitskonzepten endlich zum Durchbruch.

Dabei ist das Prinzip Heimbüro alles andere als neu: Laut Bitkom-Zahlen von 2019 erlaubten es immerhin 39 Prozent der deutschen Unternehmen schon vor Corona, zumindest tageweise. Das Home-Office ist ebensowenig die Zukunft der Arbeit, wie regelmäßiges Lüften die Zukunft des Schulunterrichts ist. Denn bei den Konzepten, die zum Thema „New Work“ oder „Future of Work“ kursieren, geht es nicht um Arbeiten von zu Hause aus, sondern vielmehr um Arbeitsweisen, die weder orts- noch zeit- oder gerätegebunden sind: Es geht um mobiles, flexibles, möglichst selbstbestimmtes Arbeiten.

All das ließe sich mit digitaler Technik längst umsetzen, gäbe es nicht die Angst der Arbeitgeber, ihre Belegschaft würde ohne den wachsamen Blick eines gestrengen Vorgesetzten die Arbeitszeit mit Müßiggang vertändeln. Der Knackpunkt für „New Work“ ist damit kein technisches, sondern ein soziales: nämlich das Vertrauen der Arbeitgeber in ihre Belegschaft.

Während der Lockdowns zeigte sich dann aber, dass Remote Work tatsächlich funktionieren kann, selbst in großem Maßstab. Und so forderte VMware-Managerin Kristine Dahl Steidel bei einem Online-Roundtable zum Thema Zukunft der Arbeit zurecht: „Es muss sich etwas in den Führungsteams, an den Management-Stilen und an der Unternehmenskultur ändern.“

Dr. Carl Benedikt Frey, der an der Universität Oxford als Direktor des „Future of Work“-Programms zur Zukunft der Arbeit forscht, identifizierte in der Diskussion drei Baustellen:

Erstens müssten die Unternehmen das Konzept hybrider Arbeit durchdenken und definieren, was vor Ort und was remote erfolgen soll.

Zweitens stelle sich die Frage, wie das Büro der Zukunft aussehen soll – schließlich ist eine reine Home-Office-Zukunft meist unerwünscht, und das Berufsbild vieler Menschen erzwingt ein Arbeiten vor Ort im Unternehmen. Frey rät dazu, von der Konzentration der Büros in Innenstädten abzurücken und auch hier verteilter – also ans Umland – zu denken.

Drittens gehe es darum, das System der Leistungsevaluation zu reformieren und ergebnisorientiert zu gestalten: „Es wird künftig keine Bonuspunkte mehr für das bloße Erscheinen im Büro geben – oder zumindest sollte es keine mehr geben“, so Frey. Vom alleinigen Fokus auf Effizienzoptimierung rät er jedoch ab: „Effizienz ist nicht dasselbe wie Innovation, und zukünftige Effizienz hängt von Innovation ab!“

Auch bei Citrix sieht man Remote-Work-Technik als Mittel, die Produktivität zu steigern, zugleich aber als Möglichkeit, die alltägliche Arbeitserfahrung der Belegschaft („Employee Experience“), deren Work/Life-Balance und letztlich sogar die physische und psychische Gesundheit zu verbessern. Dazu setzt Citrix auf zweierlei: Erstens sollen „Micro-Apps“ – Anwendungsschnipsel, die als klickbare Buttons im Interface der hauseigenen Workspace-Lösung erscheinen – es dem Anwender ersparen, sich mühselig durch Applikationen klicken zu müssen.

Hierfür baut der Anbieter seine Workspace-Lösung zunehmend zur (Kleinst-)Applikationsplattform aus, neuerdings durch Integrationen mit ServiceNow, Workday und anderen. Zweitens setzt Citrix stark auf KI-Assistenten, die den Endanwender künftig bei allerlei Routinetätigkeiten unter die Arme greifen sollen – bis hin zum KI-gestützten „Nudging“, das ihn vor einer allzu ungesunden Arbeitsweise bewahren soll. Das Ziel, so Citrix’ Chefstratege und -marketier Tim Minahan in einem Blog-Post: „Roboter werden Menschen nicht ersetzen, sondern werden uns smarter und effizienter machen.“

Matrix42-Chef Oliver Bendig fordert von den Unternehmen ebenfalls mehr Flexibilität bei der Einführung digitaler Arbeitskonzepte. Er weist darauf hin, dass bei der Umstellung „von 1:4 auf 4:1“ (also Remote Work nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regelfall) auch die IT-Support-Prozesse anzupassen sind: Man müsse „Bring Your Own Office“ ermöglichen. Das heißt, die IT müsse Anwender auch bei Problemen etwa mit dem heimischen WLAN unterstützen. Als wichtig für den Weg zur digitaleren Arbeit erachtet er unter anderem integrierte Sicherheit der Remote-Work-Lösungen, Hyperautomatisierung und Selbstheilungsfunktionen, ebenfalls mittels KI.

Das Büro als Habitat

Ein Stolperstein auf dem Weg zur schönen neuen Arbeitswelt dürfte – neben Vertrauen, das noch weiter wachsen muss – der Umstand sein, dass das Büro für viele Werktätige nicht nur Arbeitsstätte ist, sondern auch soziales Umfeld: Man trifft sich, man plaudert, man tauscht sich aus – mal organisiert in Meetings, mal spontan in der Kaffeeküche. Dieser ungeplante, unorganisierte Austausch unterhalb des offiziellen Radars kann eine wichtige Quelle des Zugehörigkeitsgefühls zu einem Team sein – zugleich aber ist er etwas, das sich selbst mit modernster Digital-Work-Technik nicht wirklich gut nachbilden lässt.

Unternehmen begegnen diesem Manko mit Online-After-Work-Partys oder semigeschäftlichen Video-Meetings – aber in aller Regel ist das wohlorganisiert. Es fehlt jenes kleine chaotische Moment, nicht zu wissen, wen man in der Kaffeküche treffen wird und was es Neues – mal Wichtiges, mal Nebensächliches, mal Belangloses – zu erfahren gibt. Nicht zuletzt durch das Miteinander in den Nischen und Spalten des organisierten Alltags, das sich letztlich der Kontrolle durch Vorgesetzte entzieht, dürfte das klassische Büro für viele Mitarbeiter weiterhin seinen Reiz behalten – trotz flexibler Cloud-basierter Arbeit, Videoconferencing, einer Fülle nützlicher Apps und zunehmender Unterstützung durch KI.

„If I can make it there, I’ll make it any-where“, sang einst Frank Sinatra in seiner Großstadthymne „New York, New York“: Wenn ich’s dort schaffen kann, schaffe ich’s überall. In der neuen Arbeitswelt müsste man den Satz umdrehen: „Wenn ich überall was schaffen kann, dann schaffe ich auch was!“ Schließlich ist Ortsungebundenheit ein Hauptpfeiler selbstbestimmten Arbeitens. Nun müssen die einschlägigen Softwareanbieter eben nur noch dafür sorgen, dass sich die Werktätigen in dieser neuen, von Orten entkoppelten Arbeitswelt auch wirklich zu Hause fühlen, obwohl sie es statt mit Kollegen im Büro und in der Kaffeeküche nun die meiste Zeit mit Apps, Bots und KI-basierten Assistenten zu tun haben.

In Lockdown-Zeiten haben Video-Conferencing-Services dazu beigetragen, dass sich sozial distanzierte – genauer: geografisch verteilte – Familien, Freundeskreise, Vereine, Bands und eben Belegschaften in den Unternehmen trotz der Entfernung etwas verbundener fühlen konnten. Doch von diesem Video-Baustein abgesehen sind die „Work from Anywhere“-Werkzeuge auf Produktivität und Effizienz ausgelegt, nicht daruf, das Arbeitsumfeld als soziales Habitat zu ersetzen. Da gilt es nachzujustieren, will das „neue Normal“ dem alten eines Tages ebenbürtig sein.

Vielleicht gibt es ja bald Bots, die montags schlecht gelaunt sind, weil ihr Lieblings-Roboterfußballverein verloren hat. Oder Siri schwärmt unvermittelt von dem netten Fahrspurassistenten, den sie auf BotTinder getroffen hat. Doch vorerst müssen wir wohl damit leben, dass New Work zwar faszinierend und modern ist, sich aber nicht wirklich heimelig anfühlt.

(Dieser Beitrag erschien erstmals in LANline 01/2021.)

Bild: (c) Wolfgang Traub